Pressestimmen

Penumbra

(Isabelle von Neumann-Cosel, tanznetz.de, Juli 2015)
Dunkle Geheimnisse im Dicken Gemäuer
„Penumbra“ – spannender Tanz im Dicken Turm bei den Heidelberger Schlossfestspielen.
Die direkte, athletische und dennoch raffiniert verspielte Bewegungssprache des „Nouveau Cirque“ ist eine attraktive Antwort auf gelegentlich verkopften Konzepttanz.
Zum ganzen Artikel

 

 

(Annette Lennartz, SWR2 Radio, Juli 2015)
Penumbra – Tanz am Heidelberger Schloss
Zum Beitrag
Jedes Jahr im Sommer zieht das Heidelberger Theater auf das Schloss. Früher wurde hier der legendäre „Student Prince“ aufgeführt. Aber mittlerweile gibt es Abwechslung. „Romeo und Julia“ kann man im Schlosshof erleben und auch „My Fair Lady“. Für die Kinder lässt „Rapunzel“ ihr Haar herunter, und jetzt feierte der Tanz eine Uraufführung mit „Penumbra“, zu Deutsch Halbschatten. Die Companie von Nanine Linning tanzt „Penumbra“, allerdings nicht unter ihrer Leitung. Das Akrobatenduo „Overhead Project“, hat mit den Tänzern die Epoche der Romantik auf ganz besondere Art wieder zum Leben erweckt.
Die Zeit der „Heidelberger Romantik“ kann man bei Penumbra getanzt erleben, mit Bildern, die direkt in des vorvorige Jahrhundert zurück führen. Wie auf Gemälden von Caspar David Friedrich stehen die Tänzerinnen und Tänzer zu Beginn immer wieder da, allein, zu zweit oder in der Gruppe. Man sieht sie von hinten und in der Abenddämmerung. Sie blicken hinab in die weite Ebene: So wie die Künstler vor 200 Jahren, die sich in Heidelberg trafen, voller Ideale, auf der Suche nach dem wahren, dem echten Leben. Sie zogen ins Grüne, wollten Abstand zur Zivilisation. So stiegen sie oft hinauf auf das Schloss, um den spektakulären Blick zu genießen.
Und romantischer als im Dicken Turm auf dem Schloss, geht es wohl kaum. Der Turm wurde 1693 von den Franzosen gesprengt. Es steht nur noch das rückwärtige Mauerwerk. Zum Tal hin ist das Gemäuer weggebrochen. So ist der Blick frei auch für das Publikum, das auf einem extra gebauten, halbrunden Gerüst sitzt, an der Rückwand des Turmes, mehrere Etagen hoch.
Auf der kleinen Tanzfläche ändert sich die versonnene Stimmung schon bald, denn auch die Romantik hatte ihre zwei Seiten: die schöne, helle, naturbegeisterte – aber auch eine düstere. Und genau das ist die Grundidee der beiden Choreografen, Tim Behren und Florian Patschovsky. Der Turm – Symbol für Gefangenschaft, steht für die inneren Fesseln der Künstler, die doch gleichzeitig so sehr nach dem idealen Leben, nach Veränderung strebten.
„Penumbra“ – Halbschatten! Es wird dunkler. Die Sonne hält sich an die Regieanweisung und geht langsam unter. Jetzt übernehmen die Mächte der Dunkelheit das Geschehen. Halbwesen, Geister, schlimme Träume, Schatten! Tänzer mit dunklen Kapuzen treten auf. Sie kleben nicht nur wie Schatten an den Fersen der Romantiker sondern schleichen sich von hinten an, steigen ihnen auf den Rücken und irgendwann sitzen sie sogar auf deren Schultern, werden zur schweren Last. Sie sind kaum abzuschütteln. Es wird gekämpft um Träume und Ziele und zwar auf einem großen, goldenen Stein. In der Mitte der Tanzfläche liegt er, halbrund wie eine Kuppel: Der Stein der Ideale.
Die beiden Choreografen haben eine Ausbildung zu Partnerakrobaten und ihre Tanzsprache ist genau im Grenzbreich von Artistik und modernem Tanz angesiedelt. Die Kompanie von Nanine Linning konnte von ihnen völlig neue Bewegungsmuster lernen, Lehrstunden in Akrobatik nehmen. Ihre eigene Tanzsprache geht dabei nicht völlig unter. Es ist eine gelungene Kombination der beiden Ansätze.
Der Höhepunkt ist ein sehr ungewöhnliches Pax de Deux auf dem goldenen Stein. Eine Tänzerin und eine Tänzer fallen geradezu übereinander her, lassen sich praktisch nie los, sie verschlingen sich halb, sie liebkosen sich, sie tun sich Gewalt an, kämpfen hart, jeder gegen jeden, mit aller Kraft. Sehr verwirrend, sehr eindrucksvoll!
Der Schluss überrascht mit großer Leichtigkeit. Die Kapuzenmänner ziehen ihre Jacken aus. Dann klettern alle das Gerüst hoch, auf das Mauerwerk und werfen ein Kleidungsstück nach dem anderen ins Tal. Nahezu nackt kommen sie zurück, eins mit der Natur. Der goldene Stein öffnet sich und darunter erscheint: der Sandfelsen, Natur pur. Das Projekt Penumbra, ist auf jeden Fall ein perfekt an die romantische Umgebung angepasstes Tanzstück geworden, mit großartiger tänzerischer und artistischer Leistung.

 

(Theatermagazin, Interview mit dem Dramaturgen Phillip Koban)
Wir arbeiten immer mit dem Risiko
Ihr habt Eure Ausbildung an der Ecole Supérieure des Arts du Cirque in Brüssel im Sinne des Cirque Nouveauals Bühnenkunst erhalten. Wie ist das Verhältnis zum traditionellen Akrobaten der Manege?Während der Akrobat im klassischen Zirkus noch den Helden darstellt, suchen wir mittlerweile den Menschen hinter dem Akrobaten. Die menschlichen Eigenschaften sichtbar zu machen, finden wir spannend und das ist die Transformation, die wir leisten: Das, was unter der Oberfläche liegt, das fragile Menschliche, und die Reaktions- und Denkmuster, die aus dem Akrobatischen kommen, in eine Choreografie zu übersetzen.
Den Ausgangspunkt Eurer Choreografien bildet also klar die akrobatische Bewegung?
Nicht unbedingt. Wir nähern uns über eine Bewegungsrecherche und schauen, wie wir das gefundene Material ausbauen, größer oder auch spektakulärer machen können. Das Akrobatische findet oftmals in Superlativen statt: noch höher springen oder noch höher klettern. Das ist natürlich interessant, was die Bildhaftigkeit angeht, aber wir wollen uns nicht nur in Superlativen aufhalten, sondern auch wieder die intimen und feinen Momente entdecken. Die akrobatischen Tricks sind dort spannend, wo sie Bilder kreieren. Wir wollen nicht einfach diesen oder jenen Trick verwenden, sondern dann, wenn dieser auch thematisch etwas vermittelt. Und da wird es spannend, weil sich die Dinge hierdurch extremer beziehungsweise intensiver auf der Bühne verhandeln lassen; Fremdes, Abgründiges und Absurdes etwa kann leichter Einzug halten.
Wie geschieht dies bei Penumbra?
Es interessiert uns, wie Dinge unterschiedlich gesehen und erfahren werden können, das Stichwort ist die „Doppelbödigkeit der Welt“. In der Romantik, mit der wir uns in dem Zuge beschäftigen, wurden gewisse Dinge wie der Wahnsinn oder das Abtauchen in verrückte, geheime Welten aus unserer Sicht beinahe als etwas Positives gesehen. Eine Epoche zu betrachten, in der spezifische Dinge ganz eigen wahrgenommen wurden, das reizt uns: Wie werden Realitäten definiert und konstruiert? Dieser Doppelbödigkeit, Vielschichtigkeit wollen wir gemeinsam mit Tänzern und Publikum nachspüren…

Penumbra

(Isabelle von Neumann-Cosel, tanznetz.de, Juli 2015)
Dunkle Geheimnisse im Dicken Gemäuer
„Penumbra“ – spannender Tanz im Dicken Turm bei den Heidelberger Schlossfestspielen.
Die direkte, athletische und dennoch raffiniert verspielte Bewegungssprache des „Nouveau Cirque“ ist eine attraktive Antwort auf gelegentlich verkopften Konzepttanz.
Zum ganzen Artikel

 

 

(Annette Lennartz, SWR2 Radio, Juli 2015)
Penumbra – Tanz am Heidelberger Schloss
Zum Beitrag
Jedes Jahr im Sommer zieht das Heidelberger Theater auf das Schloss. Früher wurde hier der legendäre „Student Prince“ aufgeführt. Aber mittlerweile gibt es Abwechslung. „Romeo und Julia“ kann man im Schlosshof erleben und auch „My Fair Lady“. Für die Kinder lässt „Rapunzel“ ihr Haar herunter, und jetzt feierte der Tanz eine Uraufführung mit „Penumbra“, zu Deutsch Halbschatten. Die Companie von Nanine Linning tanzt „Penumbra“, allerdings nicht unter ihrer Leitung. Das Akrobatenduo „Overhead Project“, hat mit den Tänzern die Epoche der Romantik auf ganz besondere Art wieder zum Leben erweckt.
Die Zeit der „Heidelberger Romantik“ kann man bei Penumbra getanzt erleben, mit Bildern, die direkt in des vorvorige Jahrhundert zurück führen. Wie auf Gemälden von Caspar David Friedrich stehen die Tänzerinnen und Tänzer zu Beginn immer wieder da, allein, zu zweit oder in der Gruppe. Man sieht sie von hinten und in der Abenddämmerung. Sie blicken hinab in die weite Ebene: So wie die Künstler vor 200 Jahren, die sich in Heidelberg trafen, voller Ideale, auf der Suche nach dem wahren, dem echten Leben. Sie zogen ins Grüne, wollten Abstand zur Zivilisation. So stiegen sie oft hinauf auf das Schloss, um den spektakulären Blick zu genießen.
Und romantischer als im Dicken Turm auf dem Schloss, geht es wohl kaum. Der Turm wurde 1693 von den Franzosen gesprengt. Es steht nur noch das rückwärtige Mauerwerk. Zum Tal hin ist das Gemäuer weggebrochen. So ist der Blick frei auch für das Publikum, das auf einem extra gebauten, halbrunden Gerüst sitzt, an der Rückwand des Turmes, mehrere Etagen hoch.
Auf der kleinen Tanzfläche ändert sich die versonnene Stimmung schon bald, denn auch die Romantik hatte ihre zwei Seiten: die schöne, helle, naturbegeisterte – aber auch eine düstere. Und genau das ist die Grundidee der beiden Choreografen, Tim Behren und Florian Patschovsky. Der Turm – Symbol für Gefangenschaft, steht für die inneren Fesseln der Künstler, die doch gleichzeitig so sehr nach dem idealen Leben, nach Veränderung strebten.
„Penumbra“ – Halbschatten! Es wird dunkler. Die Sonne hält sich an die Regieanweisung und geht langsam unter. Jetzt übernehmen die Mächte der Dunkelheit das Geschehen. Halbwesen, Geister, schlimme Träume, Schatten! Tänzer mit dunklen Kapuzen treten auf. Sie kleben nicht nur wie Schatten an den Fersen der Romantiker sondern schleichen sich von hinten an, steigen ihnen auf den Rücken und irgendwann sitzen sie sogar auf deren Schultern, werden zur schweren Last. Sie sind kaum abzuschütteln. Es wird gekämpft um Träume und Ziele und zwar auf einem großen, goldenen Stein. In der Mitte der Tanzfläche liegt er, halbrund wie eine Kuppel: Der Stein der Ideale.
Die beiden Choreografen haben eine Ausbildung zu Partnerakrobaten und ihre Tanzsprache ist genau im Grenzbreich von Artistik und modernem Tanz angesiedelt. Die Kompanie von Nanine Linning konnte von ihnen völlig neue Bewegungsmuster lernen, Lehrstunden in Akrobatik nehmen. Ihre eigene Tanzsprache geht dabei nicht völlig unter. Es ist eine gelungene Kombination der beiden Ansätze.
Der Höhepunkt ist ein sehr ungewöhnliches Pax de Deux auf dem goldenen Stein. Eine Tänzerin und eine Tänzer fallen geradezu übereinander her, lassen sich praktisch nie los, sie verschlingen sich halb, sie liebkosen sich, sie tun sich Gewalt an, kämpfen hart, jeder gegen jeden, mit aller Kraft. Sehr verwirrend, sehr eindrucksvoll!
Der Schluss überrascht mit großer Leichtigkeit. Die Kapuzenmänner ziehen ihre Jacken aus. Dann klettern alle das Gerüst hoch, auf das Mauerwerk und werfen ein Kleidungsstück nach dem anderen ins Tal. Nahezu nackt kommen sie zurück, eins mit der Natur. Der goldene Stein öffnet sich und darunter erscheint: der Sandfelsen, Natur pur. Das Projekt Penumbra, ist auf jeden Fall ein perfekt an die romantische Umgebung angepasstes Tanzstück geworden, mit großartiger tänzerischer und artistischer Leistung.

 

(Theatermagazin, Interview mit dem Dramaturgen Phillip Koban)
Wir arbeiten immer mit dem Risiko
Ihr habt Eure Ausbildung an der Ecole Supérieure des Arts du Cirque in Brüssel im Sinne des Cirque Nouveauals Bühnenkunst erhalten. Wie ist das Verhältnis zum traditionellen Akrobaten der Manege?Während der Akrobat im klassischen Zirkus noch den Helden darstellt, suchen wir mittlerweile den Menschen hinter dem Akrobaten. Die menschlichen Eigenschaften sichtbar zu machen, finden wir spannend und das ist die Transformation, die wir leisten: Das, was unter der Oberfläche liegt, das fragile Menschliche, und die Reaktions- und Denkmuster, die aus dem Akrobatischen kommen, in eine Choreografie zu übersetzen.
Den Ausgangspunkt Eurer Choreografien bildet also klar die akrobatische Bewegung?
Nicht unbedingt. Wir nähern uns über eine Bewegungsrecherche und schauen, wie wir das gefundene Material ausbauen, größer oder auch spektakulärer machen können. Das Akrobatische findet oftmals in Superlativen statt: noch höher springen oder noch höher klettern. Das ist natürlich interessant, was die Bildhaftigkeit angeht, aber wir wollen uns nicht nur in Superlativen aufhalten, sondern auch wieder die intimen und feinen Momente entdecken. Die akrobatischen Tricks sind dort spannend, wo sie Bilder kreieren. Wir wollen nicht einfach diesen oder jenen Trick verwenden, sondern dann, wenn dieser auch thematisch etwas vermittelt. Und da wird es spannend, weil sich die Dinge hierdurch extremer beziehungsweise intensiver auf der Bühne verhandeln lassen; Fremdes, Abgründiges und Absurdes etwa kann leichter Einzug halten.
Wie geschieht dies bei Penumbra?
Es interessiert uns, wie Dinge unterschiedlich gesehen und erfahren werden können, das Stichwort ist die „Doppelbödigkeit der Welt“. In der Romantik, mit der wir uns in dem Zuge beschäftigen, wurden gewisse Dinge wie der Wahnsinn oder das Abtauchen in verrückte, geheime Welten aus unserer Sicht beinahe als etwas Positives gesehen. Eine Epoche zu betrachten, in der spezifische Dinge ganz eigen wahrgenommen wurden, das reizt uns: Wie werden Realitäten definiert und konstruiert? Dieser Doppelbödigkeit, Vielschichtigkeit wollen wir gemeinsam mit Tänzern und Publikum nachspüren…