Pressestimmen

The boy who cries wolf

(Thomas Linden, akt 53, Mai 2014)
Dunkles Glühen
Reut Shemesh mit ihrer bildmächtigen Fantasie und das starke Tanzduo Overhead Project durchleuten in „The boy who cries Wolf“ die Märchenträume des Abendlandes mit einem ironischen Ernst, der eine kleine Tanzsensation hervorbringt.
Die Inszenierung spielt im Wald. Im nackten Bühnengeviert der Kunsthochschule für Medien sind aber weder Bühne noch Kostüme zu sehen. Scheinwerfer hängen, die Atmosphäre eines Medienlabors. Aber da stehen zwei Männer hinten. An der Art, wie sie nahe zueinander gerückt sind und schauen, sieht man sofort, dass sie aus der Tiefe eines mythischen Raums kommen. Vielleicht Brüder, oder ein Riese und ein Zwerg. Die Tänzer und Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky, die sich Overhead Project nennen, zeigen ihre neue Choreografie „The boy who cries wolf“ in der Regie von Reut Shemesh.
Märchenhafte Dramatik
Dramatik ist im Raum, auch ohne die enervierenden Rhythmen der abgehackten elektronischen Musikkomposition von Simon Baur. Als seien sie Gestalten aus dem 19. Jahrhundert, so still und eindringlich bewegen sich die jungen Männer und lassen ihre Aktionen immer wieder zu Bildern gefrieren. Da gibt es Kriegsheimkehrer, Prinzen, Bären, eine Pietá, Frösche, Dämonen, Wölfe und Hirsche. Nicht immer wird deutlich, was sie verbindet. Hier geht es eher wie im Traum zu, in dem die Details geheimnisvolle Beziehungen unterhalten. So sind auch die Märchen der Brüder Grimm entstanden, aus Erzählungen und Bildern, die Faszination auslösten und zu Text wurden, ohne den Gesetzen der Logik zu folgen. Behren und Patschovsky besitzen einen Zugang zur Dimension dieser archaischen Themen und sie verfügen mit Reut Shemesh über das künstlerische Potenzial, um an diese Orte des kollektiven Unbewussten zu führen.
Mit einem Timing, das immer dann innehält, wenn Erstaunen, Angst oder Freude auf den Punkt gebracht worden sind, machen sie Emotion sichtbar, ohne eine durchgehende Geschichte zu erzählen. Es sind vielmehr geschmeidige, verwickelte Bewegungen, denen nicht anzusehen ist, welches Ziel sie ansteuern, bis sich die Körper in einem Still konzentrieren und der Wolf zu schreien beginnt oder der Hirsch auf einer Lichtung erscheint.
Der Tod im Tanz
Das Duo vermag die Szenen tänzerisch auf den Punkt zu bringen, vor allem jedoch verdeutlicht es, dass es sich hier um tradierte Bilder handelt. Mit den Mitteln des Tanzes betreiben sie Illusion, „Durchleuchten“ gewissermaßen die Wirklichkeit. Dieses Kunststück gelingt den beiden durch Dramatik, Präzision und Humor. Sie lassen ihre mitunter mächtig wirkenden Körper sprechen, indem sie komplexe Hebefiguren einsetzen, die ihnen Geschmeidigkeit verleihen, ohne dass sie an Wucht verlieren würde. Die behende Eleganz entfaltet sich langsam, wie in Zeitlupe. Ihre Wucht erhält die Choreografie durch die dunklen Ränder, an denen das Todesthema immer wieder kehrt. Tatsächlich spielt der leblose Körper eine wichtige Rolle im Märchen. Der Moment, in dem nur noch Schwere vorhanden ist, macht die tragische Abwesenheit des Lebens besonders greifbar. Ein dunkles Tanzjuwel ist da gelungen.

 

(Melanie Suchy, Stadtrevue, 2014)
Zwei Männer, eine Frau, dazu ein ominöser Wolf und anderes Getier. Was mich an dieser ausbeulenden Dreiecksgeschichte sofort anspricht: sie trägt kein Schild vor sich her, um es mir vor den Kopf zu stoßen. Statt Engstirnigkeit, braucht “The boy who cries wolf” unser waches Hirn. Das sieht etwas zerbrechen, lautlos, ohne Erklärung und wie zwei Jünglinge, die einander Brüder oder beste Freunde sind, den Bruch übertünchen. Sie überspielen ihn wie ene Brücke in der Nacht, auf der sich Menschen verwandeln. Dieses absolut vertraute Miteinander tanzen die Kölner Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky von Overhead Project, die junge Israelin und Neu-Kölnerin Reut Shemesh choreographiert. Eine erste Version des wundervollen Duetts zeigten die Künstler vor einem Jahr im Tanzhaus NRW Düsseldorf. Jetzt wolfen sie in Köln!

 

(Romy Weimann, Stadtrevue, Juli 2014)
Zwei Männer stehen vor einem Bluescreen, der ihre Konturen surreal scheinen lässt. Der sonst in Dunkelheit liegende Raum füllt sich mit elegischem Gitarrensound. Ein Trip ins Märchenland beginnt: Die Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky verwandeln sich in Fabelwesen. Oder sind sie die Gebrüder Grimm selbst? In kraftvoller Langsamkeit klettern sie aufeinander, fallen in sich wieder zusammen, hecheln um ihren Verstand. In ihrem imaginierten Märchenwald gelten andere Gesetze, Während die Körper der beiden sich ineinander krallen und von einander abprallen, verharren sie immer wieder in Schockstarre wie einsame Wölfe. Mit “The boy who cries wolf” erzählen Regisseurin Reut Shemesh und das Duo Overhead Project mit fantastischer Bildkraft vom Verlust der Kindheit, der unwiederbringlichen Unschuld und nicht zuletzt auch vom Tod. Wenn Behren den ersteiften körper von Patschovsky in zehrender Dauerschleife vor seiner Brust dreht, scheint das Leben wie die Ankündigung des Todes. Schöner kann man davon nicht erzählen.

 

(rponline, August 2013)
… Dagegen wirkt die Bilderflut in „The boy who cried wolf. unplugged“ der israelischen Choreografin Reut Shemesh packend wie ein Spielfilm. Zu schnarrenden Gitarrenklängen zeigen die beiden akrobatischen Tänzer Tim Behren und Florian Patschovsky eine Folge handlungsstarker Szenen.
Immer geht es darin um Reaktionen zwischen den Männern. Mal geht einer von ihnen nach langem Ritt zu Boden, liegt da wie tot, und der andere wird geschüttelt von lautlosem Entsetzen. Schon fährt der Gefallene aus dem eigenen Körper, durchlebt eine rasante Metamorphose vom Löwen zum Hirsch zum Hasen zum Schwan. Das ist virtuos, fantasievoll und kurbelt die Erzählmaschine im Kopf der Betrachter an.

The boy who cries wolf

(Thomas Linden, akt 53, Mai 2014)
Dunkles Glühen
Reut Shemesh mit ihrer bildmächtigen Fantasie und das starke Tanzduo Overhead Project durchleuten in „The boy who cries Wolf“ die Märchenträume des Abendlandes mit einem ironischen Ernst, der eine kleine Tanzsensation hervorbringt.
Die Inszenierung spielt im Wald. Im nackten Bühnengeviert der Kunsthochschule für Medien sind aber weder Bühne noch Kostüme zu sehen. Scheinwerfer hängen, die Atmosphäre eines Medienlabors. Aber da stehen zwei Männer hinten. An der Art, wie sie nahe zueinander gerückt sind und schauen, sieht man sofort, dass sie aus der Tiefe eines mythischen Raums kommen. Vielleicht Brüder, oder ein Riese und ein Zwerg. Die Tänzer und Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky, die sich Overhead Project nennen, zeigen ihre neue Choreografie „The boy who cries wolf“ in der Regie von Reut Shemesh.
Märchenhafte Dramatik
Dramatik ist im Raum, auch ohne die enervierenden Rhythmen der abgehackten elektronischen Musikkomposition von Simon Baur. Als seien sie Gestalten aus dem 19. Jahrhundert, so still und eindringlich bewegen sich die jungen Männer und lassen ihre Aktionen immer wieder zu Bildern gefrieren. Da gibt es Kriegsheimkehrer, Prinzen, Bären, eine Pietá, Frösche, Dämonen, Wölfe und Hirsche. Nicht immer wird deutlich, was sie verbindet. Hier geht es eher wie im Traum zu, in dem die Details geheimnisvolle Beziehungen unterhalten. So sind auch die Märchen der Brüder Grimm entstanden, aus Erzählungen und Bildern, die Faszination auslösten und zu Text wurden, ohne den Gesetzen der Logik zu folgen. Behren und Patschovsky besitzen einen Zugang zur Dimension dieser archaischen Themen und sie verfügen mit Reut Shemesh über das künstlerische Potenzial, um an diese Orte des kollektiven Unbewussten zu führen.
Mit einem Timing, das immer dann innehält, wenn Erstaunen, Angst oder Freude auf den Punkt gebracht worden sind, machen sie Emotion sichtbar, ohne eine durchgehende Geschichte zu erzählen. Es sind vielmehr geschmeidige, verwickelte Bewegungen, denen nicht anzusehen ist, welches Ziel sie ansteuern, bis sich die Körper in einem Still konzentrieren und der Wolf zu schreien beginnt oder der Hirsch auf einer Lichtung erscheint.
Der Tod im Tanz
Das Duo vermag die Szenen tänzerisch auf den Punkt zu bringen, vor allem jedoch verdeutlicht es, dass es sich hier um tradierte Bilder handelt. Mit den Mitteln des Tanzes betreiben sie Illusion, „Durchleuchten“ gewissermaßen die Wirklichkeit. Dieses Kunststück gelingt den beiden durch Dramatik, Präzision und Humor. Sie lassen ihre mitunter mächtig wirkenden Körper sprechen, indem sie komplexe Hebefiguren einsetzen, die ihnen Geschmeidigkeit verleihen, ohne dass sie an Wucht verlieren würde. Die behende Eleganz entfaltet sich langsam, wie in Zeitlupe. Ihre Wucht erhält die Choreografie durch die dunklen Ränder, an denen das Todesthema immer wieder kehrt. Tatsächlich spielt der leblose Körper eine wichtige Rolle im Märchen. Der Moment, in dem nur noch Schwere vorhanden ist, macht die tragische Abwesenheit des Lebens besonders greifbar. Ein dunkles Tanzjuwel ist da gelungen.

 

(Melanie Suchy, Stadtrevue, 2014)
Zwei Männer, eine Frau, dazu ein ominöser Wolf und anderes Getier. Was mich an dieser ausbeulenden Dreiecksgeschichte sofort anspricht: sie trägt kein Schild vor sich her, um es mir vor den Kopf zu stoßen. Statt Engstirnigkeit, braucht “The boy who cries wolf” unser waches Hirn. Das sieht etwas zerbrechen, lautlos, ohne Erklärung und wie zwei Jünglinge, die einander Brüder oder beste Freunde sind, den Bruch übertünchen. Sie überspielen ihn wie ene Brücke in der Nacht, auf der sich Menschen verwandeln. Dieses absolut vertraute Miteinander tanzen die Kölner Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky von Overhead Project, die junge Israelin und Neu-Kölnerin Reut Shemesh choreographiert. Eine erste Version des wundervollen Duetts zeigten die Künstler vor einem Jahr im Tanzhaus NRW Düsseldorf. Jetzt wolfen sie in Köln!

 

(Romy Weimann, Stadtrevue, Juli 2014)
Zwei Männer stehen vor einem Bluescreen, der ihre Konturen surreal scheinen lässt. Der sonst in Dunkelheit liegende Raum füllt sich mit elegischem Gitarrensound. Ein Trip ins Märchenland beginnt: Die Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky verwandeln sich in Fabelwesen. Oder sind sie die Gebrüder Grimm selbst? In kraftvoller Langsamkeit klettern sie aufeinander, fallen in sich wieder zusammen, hecheln um ihren Verstand. In ihrem imaginierten Märchenwald gelten andere Gesetze, Während die Körper der beiden sich ineinander krallen und von einander abprallen, verharren sie immer wieder in Schockstarre wie einsame Wölfe. Mit “The boy who cries wolf” erzählen Regisseurin Reut Shemesh und das Duo Overhead Project mit fantastischer Bildkraft vom Verlust der Kindheit, der unwiederbringlichen Unschuld und nicht zuletzt auch vom Tod. Wenn Behren den ersteiften körper von Patschovsky in zehrender Dauerschleife vor seiner Brust dreht, scheint das Leben wie die Ankündigung des Todes. Schöner kann man davon nicht erzählen.

 

(rponline, August 2013)
… Dagegen wirkt die Bilderflut in „The boy who cried wolf. unplugged“ der israelischen Choreografin Reut Shemesh packend wie ein Spielfilm. Zu schnarrenden Gitarrenklängen zeigen die beiden akrobatischen Tänzer Tim Behren und Florian Patschovsky eine Folge handlungsstarker Szenen.
Immer geht es darin um Reaktionen zwischen den Männern. Mal geht einer von ihnen nach langem Ritt zu Boden, liegt da wie tot, und der andere wird geschüttelt von lautlosem Entsetzen. Schon fährt der Gefallene aus dem eigenen Körper, durchlebt eine rasante Metamorphose vom Löwen zum Hirsch zum Hasen zum Schwan. Das ist virtuos, fantasievoll und kurbelt die Erzählmaschine im Kopf der Betrachter an.